Die sieben Wunder Jenas

Ara - Altar (Der Altar der Stadtkirche St. Michael)
Chordurchgang unter dem Altar der Stadtkirche Die Jenaer Stadtkirche St. Michael, als ein hervorragendes architektonisches und baugeschichtliches Denkmal in Thüringen, verzeichnet einige interessante Detaillösungen und Besonderheiten. Zui ihnen gehört die volkstümlich als "Altardurchfahrt" bezeichnete Öffnung des Chores mit Unterführung des Hochaltars. Dem ehemaligen, dahintergelegenen Zisterzienser-Nonnenklosters war nur auf diesem Wege eine Zufahrt zu ihren Gebäuden möglich.
Planung und Bau des Chores fallen in die Zeit zwischen 1380 und 1420. Seine Schöpfer sind nicht überliefert. Es werden Beziehungen zu oberschlesischen und böhmisch - parlerischen Bauhütten angenommen, da dort Vorbilder für Elemente des Jenaer Kirchenbaus zu finden sind. Der Chor der Stadtkirche öffnet sich für einen etwa 3 Meter breiten und 3,5 Meter hohen Raum, im Ursprung geschaffen für kultische Handlungen der Gläubigen. Die Ausführungen mit kunstvollem Springgewölbe und spitzbogigen Arkarden betont das Unterirdische, das Grab, die Unterordnung des Menschen unter die Gottheit. Zwei Schlußsteine des Gewölbes bilden Dämonen in Form einer Blattmaske und einer Sirene ab, ein dritter - direkt unter dem Altar - zeigt eine Laubrosette. Sie stellen mit ihren Motiven einen festen Bezug der offenen Halle zum Hochaltar im Kircheninneren her. Adrian Beier, der Stadtchronist des 17. Jahrhunderts, bemerkte zum Altar der Stadtkirche: "Der steht im Chor, und ist so hoch, daß unter dessen gewelbten Schwiebogen man Tag und Nacht gehen, reiten und fahren kann. Das ist ein Denkmal in Jena." Solche Mitteilungen mögen zur Einordnung der Choröffnung als geländebedingte Straßenanlage geführt haben. Diese jedoch ergab sich erst als sekundäre Möglichkeit der Nutzung, nachdem der Friedhof im Bereich südlich vor der Kirche eingestellt und die heutige Saalstraße zum Platz erweitert worden war.

Caput - Das Haupt (Schnapphans an der Rathausuhr)
Die astronomische Kunstuhr stammt aus dem 15. Jh. Als "caput" steht er im 16. Jahrhundert in der Aufzählung der Jenaer Merkwürdigkeiten. Zwischen 1530 und 1540 gibt es eine Reihe von literarischen Belegen des - mit der Schnapphans-Figur wohl identischen - "Hans von Jhene" oder "Hans von Gehn", unter anderem in Briefen, einem Predigttext und einer Tischrede Martin Luthers. Wer die spätgotische Holzschnitzplastik vermutlich zu Anfang des 16. Jahrhundert so ausdrucksstark und in guter künstlerischer Qualität gearbeitet hat, ist uns nicht bekannt. Im Jahr 1755 ist der Turm in der Kehle der beiden Walmdächer des Jenaer Rathauses anstelle eines "zuvor da gestandenen kleinen Rundels" eingebaut worden. "In demselben hat man den sogenannten Schnapphanß, so zuvor auf dem einen Dach linker Hand gestanden, nebst einer zweyten Glocke, so ehedem auf der Kirche über dem Altar gehangen, gebracht." Die Turmurkunde, die uns die "Haupt-Reparatur" des mittelalterlichen Gebäudes erläutert, erbringt den Beweis für die schon damals gebräuliche Bezeichnung des Narrenkopfes. Bei jedem vollen Stundenschlag versucht der Schnapphans, die vom Pilger entgegengehaltene goldene Kugel zu schnappen. Das Orginalstück befindet sich mit den beiden anderen Figuren der Rathausuhr in Verwahrung der Städtischen Museen Jena; an der Uhr wurden 1969 farbige Kopien aus Aluminiumguß angebracht. Eine sehr treffende Beschreibung der Schnapphans - Plastik gab Dorette Grumbt: "Der überlebensgroße Kopf des Hans von Jena zeigt die Züge alten, physisch verbrauchten Menschen mit runzliger Haut, tiefliegenden Augenhöhlen und einem Mund mit ausfallenden Zähnen. Alter, Qual und Bitterkeit des Lebens haben auf diesem Antlitz tiefe Spuren eingegraben und den schmalen Kopf mit der energisch gebogenen Nase und den empfindsamen Augen in eine abstoßende, erschreckende hysiognomie verwandelt." Für sie ist mit dem Schnapphans weder ein "dumm gaffender Mensch" noch ein "lustig, leichtsinniger Narr" abgebildet. Wer war er wirklich?

Draco - Der Drache
Um 1600 entstand draco, der Drache, ein bizarres Wesen mit 7 verschiedenen (Katzen)Köpfen, vier Beinen, zwei Armen und vier Schwänzen. Die Herkunft der Plastik ist unbekannt. Im 19. Jahrhundert vermutete man darin einen Ulk Jenaer Studenten, die das Ungeheuer als "Jagdbeute" aus den Teufelslöchern, den bereits 1319 genannten Höhlen, mitgebracht hätten und im Triumphzug durch Jenas Straßen getragen haben sollen, vieleicht nach dem Motto: "Wenn Sie sich Ihre Prüfungskommission so vorstellen, werden Sie angenehm überrascht sein...".
Doch schon im 18. Jahrhundert waren Hinweise auf eine plastische Umsetzung einer neutestamentlichen Textstelle gekommen. Schließlich stellte Dr. von Boeningk in der Jenaischen Zeitung die Hypothese auf, daß die Figur als Requisit für die Aufführung geistlicher Schauspiele durch Theologiestudenten geschaffen worden sei. Sollte diese nach wie vor aufrechterhaltene Vermutung richtig sein, hätten wir es mit einem der seltenen Ausstattungsstücke eines Laientheaters des 17. Jahrhundert oder späten 16. Jahrhundert zu tun. In dieser Deutung erkennt man in der Figur das siebenköpfige Ungeheuer aus der "Offenbarung an Johannes", dem letzen Buch des Neuen Testamentes. Dort ist der Drache Sinnbild für die widergöttliche Macht, für den Gegenspieler Gottes, den Satan, der vom Anführer der Engelheere, dem Engelfürsten Michael, bekämpft wird. Als Vorbild für die Plastik können die entsprechenden zeitgenössischen Bibelillustrationen angenommen werden. Bevor die Figur im Jahr 1901 in den Besitz des damals gegründeten Stadtmuseums kam, wurde sie in der Universitätsbibliothek aufbewahrt, und es ist nicht auszuschließen, daß auch oben genannte studentische Späße damit getrieben worden sind. Im neuen Haus der Städtischen Museen Jena gehört der Siebenköpfige Drache zu den kulturgeschichtlich interessantesten Exponaten.

Mons - Der Berg (Jenzig, Muschelkalkberg)
In der Blütezeit des Jenaer Weinbaus galt die Devise "Wer einen Weinberg am Jenzig und ein Haus am Markt und neun Aracker im Feld und 300 Gülden im Kasten hat, der kann einen Bürger in Jena wohl bleiben." Wie alle Höhen um Jena war auch der Jenzig im Mittelalter mit Weinpflanzungen überzogen - mehr noch: er soll einer der besten Standorte dieser Gegend gewesen sein. Dem Wein verdankt er seine frühe urkundliche Nennung als "Jenci". Nach erster Kunde aus dem Jahr 1158 werden 1185 Weinberge an seiner Südseite genannt. Verschieden andere Schreibweisen seines von Jani - der für Jani (Jena) typische Berg - hergeleiteten Namens sind in den folgenden Jahrhunderten gebräuchlich gewesen. Man findet ihn als Jäntzig, Gänzig, Genseberg bey Wenigen Jena, Jänzig - Berg, Jantzke und Jentzke. Im Überschwang lokalpatriotischer Gefühle kamen Bezeichnungen wie "Rigi" und "Matterhorn des Saaletales" hinzu. Bereits in der Altsteinzeit hielten sich Wildpferdjäger am Fuß des Jenzigs auf. Älteste Siedlungsspuren auf dem Muschelkalkfelsen sind etwa 5000 bis 4000, ein erkannter Burgwall ist reichlich 3000 Jahre alt. 200 Meter über dem Saalespiegel und 365 Meter über NN befindet sich heute das 1904 erbaute und 1969 erneuerte und erweiterte Jenzighaus - eine der beliebtesten Berggaststätten in der Nähe der Stadt.

Pons - Brücke (Camsdorfer Steinbogenbrücke)
In neun großen Bogen spannte sich bis 1912 die mittelalterliche Camsdorfer Brücke - Folgebau einer hölzernen am Ort einer Furt - als nicht unwichtiger Übergang über die früher oft starkes Hochwasser führende Saale. Zeitgenossen bezeichneten sie als eine der schönsten alten Brücken in Deutschland. Ihre architektonisch und proportional gelungene Anpassung an die landschaftlichen und städtebaulichen Gegebenheiten zu einem harmonischen Bild wurde besonders gerühmt. Bei ihrer Errichtung im 15.Jahrhundert verwendete man auch Steine der zerstörten Hausbergburgen; entsprechende Fundstücke beim Brückenabbruch haben es bezeugt. Säulen einer Burgkapelle fand man wieder und brachte sie zurück auf den Hausberg. Von der Fuchsturmgasstätte sind sie zu sehen. Eine teilweise Zerstörung der Brücke war während der Auseinandersetzungen im Dreißigjährigen Krieg erfolgt. Schwedische Truppen machten die Brücke im Februar 1637 unpassierbar; 36 Menschen kamen bei diesem Überfall ums Leben. Im Jahr 1655 ließ die Stadt die Camsdorfer Brücke unter Leitung des herzoglichen Baumeisters Johann Moritz Richter wieder aufbauen. Händler und Soldate, Handwerksburschen und einheimische Weinbauern, Generationen Jenaer Studenten, Dichter und Denker überquerten auf ihr die Saale auf dem Weg aus oder in die Stadt oder als Durchreisende, unter ihnen viele prominente Jena - Besucher. Saaleflößer steuerten mit Geschick ihre Hölzer durch die undbogen. So kam die schöne alte Brücke in das 20. Jahrhundert und war nun für den angewachsenen Straßenverkehr nicht mehr ausreichend. 1913 ersetzte man sie durch eine neue, dem Hochwasser besser angepasste, größer Brücke, die wiederum am Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt worden ist.
Der Neubau ist inzwischen ebenfalls baufällig.

Vulpecula Turris - Bergfried (ehemalige Burg Kirchberg, Fuchsturm)
Heimatdichter haben ihn besungen, Maler hielten ihn in Bildern fest, Alexander von Humboldt hat seine Höhe ausgemessen, ungezählte Gäste der Stadt verbinden mit dem Fuchsturm ihr Jena-Erlebnis. Sein Name soll von den "Füchsen", den gerade immatrikulierten, zur Bezahlung von Zechgelagen in der Bergschänke animierten Studenten herrühren. Da er jedoch schon im 16.Jahrhundert benutzt wurde - lange bevor dort oben feuchtfröhliche Gelage durch gastronomische Angebote möglich waren - neigen wir zur zweiten Deutung, in welcher der in den Felsspalten des Hausberges ansässige Fuchs Pate gestanden hat. Der Fuchsturm ist ausgebauter Rest der mittelalterlichen Hausbergburgen. Auf dem Bergrücken standen Greifberg, Kirchberg und Windberg, bis im Jahr 1304 das Städtebündnis Erfurt, Nordhausen, Mühlhausen und Landgraf Albrecht militärisch eingriffen und den Niedergang des einst bedeutenden Geschlechts der Kirchberger einleiteten. Die Burganlage wurde zum großen Teil zerstört, der Greifberg besetzt. Im 10. und 11. Jahrhundert hatten die Könige und Kaiser die bereits 937 bekundete Burg Kirchberg besucht. Der ehemalige Kirchberger Bergfried mit über zwei Meter dicken Mauern verdankt seine Erhaltung zunächst einer Reparatur vor reichlich 400 Jahren. 1784 wurden ein Fußweg zum Turm, eine Treppe und ein Dach geschaffen: Professor Wiedeburg unternahm hier astronomische Beobachtungen. Geselliges Leben brachten die 1842 gegründete "Knappschaft", die seit 1861 bestehende "Fuchsturmgesellschaft" und die Schaffung einer der ersten Restauration im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Seit 1925 gibt es das heutige Fuchsturmhaus.
Heute mit einer Ausflugsgaststätte und einem sehenswerten Rittersaal ergänzt, bildet er einen der herrlichsten Aussichtspunkte auf die Stadt.

Weigeliana Domus - Weigelsches Haus (heute nicht mehr erhalten)
Wir kennen es nur von Reproduktionen vergilbter Fotos und von einer modellhaften Darstellung des Benedictus Georgi aus der Bauzeit-jenes Gebäude, das Erhard Weigel (Mathematikprofessors im 18. Jahrhundert) in den Jahren 1667 bis 1670 nach eigenen Entwürfen errichten ließ. 1898 fiel es wohl nicht nur einem Straßendurchbruch nach Norden zum Opfer, wie der Beitrag eines enttäuschten Heimatfreundes in einem Familienblatt im September 1897 zeigt: "Heute nun hat die Sterbestunde geschlagen: das berühmte Weigelsche Haus - das kürzlich in den Besitz eines Geschäftsmannes überging - soll, wenn nicht ganz abgebrochen, so doch gänzlich umgebaut werden." Äußerlich fiel das einst in der Nähe der Stadtkirche stehende Haus durch tufengiebel auf dem Satteldach und Sprüche auf der Fassade auf. Im Inneren hatte Weigel eine Reihe von technisch - physikalischen Anlagen installiert, die ihrer Zeit weit vorauseilten. Vom Keller bis zum quadratischen Dachtürmen verlief eine offene Spindel, um welche herum die Treppe gebaut war. Das Flachdach des Türmchens konnte geöffnet werden. Durch Verhängen der Spindel mit dunklen Tüchern wurde ein Lichtschacht geschaffen, so daß sich auch bei Tage Sterne beobachten ließen. Im Schacht gab es zudem einen Fahrkorb nach dem Prinzip des Flaschenzuges, einem Vorgänger des Liftes. Weitere Weigelsche Attraktionen waren die Wasserleitung, verwirklicht mittens hydralischer Pumpe, und die sogenannte "Kellermagd", eine als Heronbrunnen mit dem Faß im Keller als Springgefäß arbeitende Hebevorichtung für Wein. 1785 schrieb Wiedeburg dazu: "Die Verrichtungen wurden des vielen Mißbrauches halber bald eingestellt." Der Abbruch des Hauses initiierte die Gründung des Stadtmuseums durch Paul Weber. Im Hofbereich der westlichen Weigelstraße errinnert eine 1974 aufgefundene Tafel an Weigel, sein Haus und dessen Abbruch.